September/Oktober/November
Andacht
aus dem Gemeindebrief September/Oktober/November
(unter Verwendung eines Textes von Michael Becker)
Liebe Gemeinde,
Dylan arbeitet als Kellner in einem Schnellimbiss in den USA; ein großes Lokal mit vielen Tischen. Fast den ganzen Tag kommen Menschen und frühstücken, essen zu Mittag oder zu Abend. Das Lokal liegt an einer viel befahrenen Straße am Stadtrand. Dort verdient der Kellner gut und kann sich ein schönes, möbliertes Zimmer in der Stadt leisten. Wenn er nicht bedient, studiert Dylan Jura. Neuerdings stellt der Kellner fest, dass ein alter Herr häufiger zum Essen kommt. Was da geschieht, beobachtet eine junge Frau und erzählt davon im sozialen Netzwerk Facebook.
Der alte Herr wirkt etwas verloren in dem großen Lokal unter den vielen, die hier eine Rast einlegen. Außerdem ist er offenbar sehr langsam in allem. Das aber macht dem Kellner nichts; Dylan ist geduldig. Er setzt sich gelegentlich neben den alten Herrn und hört zu. Oder er liest ihm etwas aus der Speisekarte vor. Als Dylan erfährt, dass der alte Herr nicht mehr gut hört, kniet er sich auch mal neben ihn auf den Boden, damit er näher an dessen Ohren sprechen kann. Da erfährt er, wie auf Facebook geschrieben wird, dass der alte Herr sehr oft allein ist und gerne in dieses Lokal kommt, damit er unter Menschen sein kann.
Das spornt den Kellner noch mehr an. Einmal hat er sogar seine Arbeitspause am Tisch des Alten verbracht. Und hat dann gesagt: „Ich genieße es, zuzuhören.“ Dabei erfährt er u.a., dass der alte Herr 91 Jahre alt ist.
Die junge Frau, die das alles beobachtet und auf Facebook mitteilt, berichtet auch, dass sie selbst einmal das Essen des alten Herrn habe bezahlen wollen. Das ging aber nicht: Ein anderer Gast im Lokal war schneller und hatte längst die Rechnung bezahlt. Das ganze Lokal lächelte, schreibt die junge Frau; es war sehr rührend.
Es kann so einfach sein, die Lasten anderer mitzutragen. Vorausgesetzt, man ist aufmerksam und fühlt, was andere bedrückt. Dazu genügen unsere Sinne, nämlich Sehen und Hören. Und ein fühlendes Herz. Mit einer Selbstverständlichkeit, die atemberaubend ist, wendet sich der junge Kellner dem alten Mann zu. Und schenkt ihm, was er braucht: Wahrnehmen, Ernstnehmen, Zuhören. So kann er das Leben des Alten etwas leichter machen.
Eine kleine Geschichte aus dem Alltag – aber ein großes, fühlendes Herz. Gebe Gott, dass sich an vielen Stellen der Erde solche mitfühlenden Herzen finden lassen! Dann ist unsere Welt noch nicht verloren – trotz Klimakrise, brutalen Kriegen und Machtmissbrauch.
Es grüßt Sie Pastor Rothkirch